Jan Stieding


Jan Stieding

DER FETZIGE INDIANER

Eröffnung | Opening: Freitag, 03. September 2010, 18 – 22 Uhr
Ausstellung | Exhibition: 04. September bis 23. Oktober 2010

Sonderöffnungszeiten | Special opening hours
Samstag, 04. September 2010, 12 – 20 Uhr
Sonntag, 05. September 2010, 12 – 18 Uhr
Ausstellungstext
Jan Stieding Wenn die Wirklichkeit sich in einer Zwischenwelt der
Ratlosigkeit eingerichtet hat und sich behäbig dortselbst auf längere Sicht
häuslich niederzulassen gedenkt, wird es Zeit, die Frage nach den Utopien und
Wunschbildern von einst und jetzt erneut und zum wiederholten Male auf die
Agenda zu setzen, gilt es doch der Verknappung von Kontakten mit der Welt
entgegenzutreten und wenigstens ein wenig Bewegung in die verfahrene Sachlage
zu bringen. Auf den ersten Blick scheinen uns die Bilder des 1966 in Bad
Langensalza / Thüringen geborenen Jan Stieding ebendies zu bieten, wenngleich
sie auch nicht ohne hintersinnige Stolperfallen daherkommen. Noch allzu
vertraut mit den verordneten Lebens- und Weltentwürfen der DDR begann Stieding
sein Studium an der Hochschule für Bildende Kunst in Dresden unmittelbar
nachdem das sozialistische Experiment sein Pseudodasein eingestehen musste und
zur abgeschlossenen Episode deklariert wurde. Ab 1995 setzte Stieding sein
Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf fort und beendete es schließlich
1998 als Meisterschüler in der Malklasse von Jörg Immendorff. Den kritischen
Blick auf gesellschaftspolitische Fragestellungen konnte sich der Künstler auch
hier bewahren, selbst wenn die Revolution, wie Heiner Müller seinerzeit
anmerkte, jetzt keine Heimat mehr habe.

 

Bei Jan Stieding geht es jedoch nicht darum, mit oder in
seinen Bildern zu revolutionieren, sondern eher darum, die Dinge ein wenig zu
überlisten, sie aufzulockern und damit beweglicher zu machen, misstraut er doch
nach wie vor einem normierten Denken und Sprechen. Bilder haben demgegenüber
schließlich den nicht unerheblichen Vorzug, auf einer Deutungsoffenheit
beharren zu können. Zudem liefern sie die Projektionsfläche auf einen Raum, in
dem Reales und Imaginäres einander begegnen oder sich mischen können. Stiedings
Bilder sind durchwebt von einer dialektischen Intensität. Angesiedelt zwischen
Zweifel und Verheißung, Schönheit und Skepsis überschneiden sich permanent
Traumgebilde und Zeitbilder. Ein psychedelisch imprägnierter Realismus scheint
seine Bildfindungen zu bestimmen. An der Grenzlinie zwischen Darstellung und
Abstraktion schmuggelt Stieding völlig ungeniert einen Hedonismus ohne
spirituelle Obertöne. Dabei verortet er die unterschiedlichen, aus der medialen
Bildmaschine ausgesiebten Quellen, vom beiläufig entdeckten Illustriertenfoto
zum eigens freigestellten Filmstill, in den Rahmen eines subjektiven
Motivpanoramas. Das eigentliche Material sind sowieso die Bilder im Kopf. Die
malerische Umsetzung könnte man demnach zur Postproduktion rechnen, wenn nicht
die  ausführende Behandlung mitunter
selbst einen bestimmenden Part einfordern würde. Gerade weil der Hintergrund
diffus und atmosphärisch, ja, außer dezente Anklänge an Wald und Wiese,
nachgerade vorläufig und unspezifisch 
wirkt, eine dezidierte Festlegung tunlichst verweigert, gerät das
Wechselspiel mit der Imagination und dem Bildgedächtnis des Betrachters zum
festen Bestandteil des Ganzen, Bild und Gegenbild bedingen einander.

 

In seiner zweiten Einzelausstellung in den Räumen der
Galerie Sebastian Brandl sind vornehmlich Bilder aus der diesjährigen
Produktion des Künstlers zu sehen. Neben der Impression einer großformatigen
Konzertbühne zeigen die mittleren Formate zumeist somnambule Einzelfiguren,
Hippies, Zombies oder Waldgeister in idyllischem Naturambiente, Wesen, die die
Schranken des bürokratischen Lebens abgestreift zu haben scheinen und als
verblassendes Nachbild einen mit elegischer Nostalgie angereicherten
melancholischen Grundmodus verkörpern. Die aufgesetzten traumverlorenen
Gestalten auf diesem wässrig-amorphen Fond wirken daher wie eine Halluzination,
die als fragende Erscheinungen eingeblendet werden. Möglicherweise werfen sie
Fragen nach verschütteten Quellen des Geheimnisvollen auf oder wollen das
gewöhnliche Leben vor einer Entzauberung in Schutz nehmen. Den festgehaltenen
ekstatischen Augenblicken haftete dabei jedoch etwas zutiefst bühnenhaftes,
filigran Verspieltes an. Stieding malt simulierte Erinnerungen, die auftauchen,
kurz bevor sie verglühen. Erinnerung ergibt Identität. Wenn aber die Erinnerung
ein Flickwerk aus Tatsachen und Fantasien ist, manchmal vielleicht nur aus
Fantasien, was, so scheinen diese Bilder zu fragen, bleibt dann von der
Identität übrig. Seine Visionen sind mit einem rückwärts gewandten Zeitkolorit
behaftet. Diese Körper haben nur so viel Materie, wie es zu einer Verheißung
bedarf. Im Bild bleibt, was sonst nicht bleiben kann. Verstörende Einsprengsel,
Farbverläufe und irritierende Flecken sowie Zonen der Unschärfe lassen es
fragwürdig erscheinen, ob der Künstler den realen Gegenstand wahrnimmt oder ihn
nicht vielmehr irrealisiert. Gegenwelten und Orte des Abseits stehen zur
Disposition und werfen Fragen nach den in der Vergangenheit entwickelten
Utopien, Visionen, Ideologien und ihrer Einlösung in der Gegenwart auf.
Vielleicht sind einige davon ja bereits eingelöst, nur haben wir es beizeiten
nicht mitbekommen, weil das Bild, welches wir von ihnen hatten, nicht mit der
Form in Deckung zu bringen ist, die sie bei ihrer Umsetzung übergestreift
haben. Modern sein heißt eben auch wissen, was nicht mehr geht.

 

Harald Uhr
 
english text
Jan Stieding When reality has accomodated itself in the twilight zone of cluelessness and intends to stay there comfortably for a long time then it is time to discuss the questions of utopias and former and nowadays ideals again, regarding to prevent its isolation from the world and to bring at least little movement into the muddled state of affairs. Jan Stieding's paintings (born in Bad Langensalza / Thuringia in 1966), seem to offer this to us at first sight, although they do not come along without subtile pitfalls. Being still familiar with the enacted visions and concepts of the GDR Stieding began his studies at the University of Visual Arts in Dresden directly after the socialist experiment had to admit its pseudo existence and was finally declared as a terminated episode. Stieding continued his studies in the Academy of Fine Arts in Düsseldorf in 1995 and finished it as a master student in the painting class of Jörg Immendorff in 1998. Also there the artist kept the critical glance on sociopolitical questions even if the revolution has no more homeland now as Heiner Müller commented at that time.

Nevertheless Jan Stieding is not interested in revolutionizing through his painting but rather to outwit things a bit. His aim is moreover to loosen things and to make them more versatile because he still mistrusts standardized ways of thinking and speaking. Pictures do have the considerable advantage to to insist on uninterpretability. They become furthermore a projection screen on which the real and the imaginary can meet or intermingle. Stiedings paintings are interwoven with a dialectic intensity. Phantasmagoria and time pictures overlap constantly located between doubt and promise, beauty and scepticism. A psychedelic impregnated realism seems to affect his works. Situated at the border between depiction and abstraction Stieding smuggles a hedonism without spiritual overtones in a free and easy way. The different images base on sources of the 'medial picture machine' and contain photos of illustrated magazines and filmstills. They are placed into a subjective panorama of motifs. Anyhow the real material are the images in one’s head. Hence, the realization of the painting could be seen as part of a post production where the act of painting itself demands a determining role. Precisely because the background refuses a decisive definition as far as possible with its vague and atmospheric or provisional and unspecific aspects, except the discreet hints of meadows and forests, the interaction between the imagination and the pictorial memory of the viewer becomes a constant part of the whole. Image and counterimage depend on each other.

For his second solo exhibition at the Sebastian Brandl gallery the artist presents mainly recent works from this year. In addition to the impression of a large-size concert stage the medium sized paintings show mostly somnambule single figures, hippies, zombies or forest ghosts embedded in an idyllic natural environment. Beings that seem to have stripped away the barriers of the bureaucratic life and which embody - like an after-image that fades away - a melancholic way of life enriched with an elegiac nostalgia. The dreamy figures placed in front of a watery amorphous background appear like hallucinations which fade in like enquiring appearences. They might raise questions about hidden mysterious sources or just want to protect life from disenchantment. At the same time these ecstatic moments inhere something stage-like and filigree playful.
Stieding paints simulated memories which appear shortly before they die down. Memory produces identity. However - these pictures seem to ask – what remains of identity if memory is a patchwork of facts and sometimes only fantasies? His visions seem to be afflicted with a retro amtosphere.
These bodies have only enough material which is necessary for a promise. In the paintings remains what normally cannot stay. Disturbing sprinklings, gradients and irritating spots as well as areas of blurring raise doubts whether the artist perceives the real object or if he rather irrealizes it himself.
Counterworlds and remote places are challenged and raise questions for utopias, visions and of the past and about their fulfilment in the present. Maybe some are already fulfilled, and we did not realize it because the image we have had in mind does not coincide with the form they got during their implementation. Being modern also means to know what is no longer possible.


Harald Uhr